Der Süden
Ich liebe den Süden wegen des Verfalls,
der Sonne, der Zypressen und Pinien,
wegen der Zitronenbäume, der Feigen und Oliven.
Wegen des Belcantos
und der Schimpftiraden in den Gassen.
Auch weil der Geruch der Provence
aus dem Paradies herüberweht.
Thymian, Rosmarin, Lavendel.
Weil eine Landschaft dort Parfüm geworden ist.
Und wegen der Fresken. An Wänden,
die niemand davontragen kann,
um sie in Museen an weiße Wände zu hängen.
Und weil Autos dort Beulen haben und Kinder raufen.
Weil überall Stühle draußen stehen
für einen Caffè mit Croissant: flüchtiges Frühstück
zwischen bekannten Gesichtern,
dampfpfeifenden Siebträgermaschinen
und den Neuigkeiten des gerade geborenen Tages.
Das Knattern der Vespen, das unerträgliche Zirpen
der Zikaden unter einem Himmel immensen Blaus.
Gelähmt die Welt um den Mittag.
Bereit zum Tanz erst, wenn sich die Sonne geneigt hat.
Charakter eines Lebens, das Ziegen liebt und Esel.
Sprünge und Widerstände der Freiheit.
Wo wilde Hunde zur Plage werden und zu vielen Katzen die Straßen gehören
in ihrem mageren Kampf um ein Überleben.
Weil die Abende länger dauern und die Nächte lau sind.
Und weil alles hart wird, krümelig und trocken in der Hitze des Sommers.
Flächen aus Licht, Flächen aus Schatten,
davorgelehnt die Linien der Bäume.
Von hier bis zum Horizont nichtendenwollende
Schichten bildnerischer Harmonien. Kompositionen,
die die Hände verführen zu wenigen Strichen.
Zu Strichen, die den Geist
In den Glücksrausch visueller Hingebung versetzen.
Ein Sehnen nach dem Süden Tag für Tag.
Sinnbild einer irdischen Schönheit, in der alles ausgesagt ist,
die nicht zerfällt in Moral und Transzendenz.
Die alles ist als ein Eines.
(Natalie Zweiböhmer, im Januar 2020)