Als mein erster Enkel in dem Alter war, wo Lego mit ihm zu bauen mein größtes Vergnügen wurde, machte ich eine erstaunliche Entdeckung. Er war vielleicht acht Jahre alt. Wir bauten ein Haus, aber während ich am liebsten die schiefen Steine verwandte und große Freude daran hatte, den Dschungel in das Haus hineinzuverlegen, quittierte er mein Tun mit mitleidigen Blicken. Oma. Das geht doch nicht so. Und baute alles zurück. Er baute dann und ich sah zu. Gerade Wände, grau, weiß, schwarz. Blümchen in den Vorgarten. Fenster mit peinlich genau berechneten Abständen. Alle gleich. Was durchaus nicht daran lag, dass er Mathematik liebte. Er war und ist lediglich Verfechter der Ordnung. Symmetrie ist ganz seins. Während draußen die Architektur gerade Frank Gehry feiert, der Zeitgeist ganz im Zeichen der Dekonstruktion wütet und wir die hierarchischen Strukturen zerbrechen, um sie neu zu ordnen – in der Hoffnung, dass dabei dann eine bessere Gesellschaft herauskommt.
Mein Enkel und seine Freunde sind keine Dekonstruktivisten. Als er sie einlud und Lego auf dem Programm stand, wurde ich vorgewarnt: Oma, bau bitte nicht mit. Also entweder aus diesen Kindern werden in der Pubertät noch herausragende Freidenker oder sie läuten gerade bereits die Wiederherstellung der alten Ordnung ein.
Die provozierende Modeschöpferin Vivienne Westwood hatte in den 70er Jahren begonnen, mit Löchern und Rissen in der Kleidung und diversen anderen Provokationen gegen das Establishment zu protestieren. In den 80er Jahren ging von Japan ein „Kampf der Couture“ aus, der die Ästhetik der Schäbigkeit in den Vordergrund rückte. Yohji Yamamoto und Rei Kawakubo verdrehten Nähte und designten Kleidung „für das Ende der Welt“. Herrschaft ist nichts mehr als ein banales Spiel. Der Rebell suhlt sich in diesem glücklichen Chaos und feiert den starken freien Menschen.