Tradition war nie so meins. Dafür hatte ich, glaube ich, einen zu rebellischen Geist, der sofort das Korsett abstreifen wollte.
Ich hätte im Leben nie denselben Kuchen zweimal gebacken. Es gibt Familien, in denen zu jedem Fest unterschiedslos die gleiche Torte serviert wird. Gelingt immer. Schmeckt immer. Das sind Torten des Status Quo.
Ein Fest ist aber doch etwas anderes. Geradezu der Entwurf eines Gegenmodells zum Alltäglichen. Ein Fest ist eine Vision, ein Aufruf zu einer neuen Utopie. Man merkt, ich liebe Feste.
Und bei der materiellen Ausformulierung dieser Utopie kommt der Torte entscheidende Bedeutung bei. Eine ebensolche wie den Kleidern. Das meine ich ernst.
Wenn nun meine Torte technisch unbeholfen daherkommt in ihrer handgemachten Prachtentfaltung, ist sie doch Zeuge eines magic moment. Eine Verheißung, wie jede Gestaltung eine Verheißung ist.
Traditionen leben ja nur, wenn in ihnen die Flamme der Verheißung noch brennt. Wo kämen wir denn hin, wenn wir der Tradition, und sei sie noch so erprobt, erlaubten leidenschaftslos den Status Quo zu erhalten?
Nach Friedrich von Borries verändert Design die Gesellschaft, „weil sie ein anderes Ideal von sich selbst bekommt“, und ist damit immens politisch. (Friedrich von Borries: Weltentwerfen. Eine politische Designtheorie. Suhrkamp 2016)
Der Entwurf von Welt basiert auf einer Revolution des Denkens und erzeugt eine neue Welt. Das ist die Macht der Gestalt gewordenen Ideen. In dieser Hinsicht ist Geld eine interessante Sache: Mit Geld kann man Visionen umsetzen und den Menschen aus der Prophetie des Untergangs befreien. Mit Geld können wir uns ganz neu erfinden. Ohne ist das schwieriger.
Visionen sind allerdings ganz was anderes als gefährliche Ideologien. Doch beides liegt allzu nah beieinander. Ein Tanz auf dem Seil, eine Utopie auf Messers Schneide. Die Funktion des Geldes als omnipotentes Mittel der Umgestaltung ist seine große Qualität. Daraus erwächst die Verantwortung der Vermögenden und Mächtigen.