Ein halber Quadratmeter abblĂ€tternder Putz im SĂŒden löste eine der gröĂten Lieben meines Lebens aus: Unter dem hellen Ocker sah ich helles Grau. Diese HĂ€user tragen Dessous, schien mir. Verlockende Geheimnisse der Zeit. Von dieser Liebe kam ich nie wieder los. Es war an einem kleinen Wohnhaus in Gaiole in Chianti – Toskana. Kein Ort fĂŒr Touristen. Insgesamt, obschon in der Toskana liegend, ein eher tristes Fleckchen. Ich hatte eine Stelle als Au-Pair in einer Keramikwerkstatt angenommen und machte dort die wegweisende Begegnung mit dem Putz, der Dessous trug. Dieser abgeblĂ€tterte Putz bekrĂ€ftigte meinen Entschluss Kunstgeschichte zu studieren.
Durch das Studium war der Sinn fĂŒr Farben in mir erwacht und ich hatte begonnen zu sehen. Die folgenden Reisen nach Italien förderten vor allem eine Einsicht: Die gröĂte Wirkung steckt im subtilsten Unterschied. Die WĂ€nde der alten Palazzi waren nie einfach nur weiĂ. Sie waren hellocker auf hellgrau oder pompejanischrot ĂŒber terracotta. Die weiĂe Marmorstatue stand vor elfenbeinfarbener Wand. Alles Entscheidende geschah leise. Laut hingegen waren die SiebtrĂ€germaschinen in den Bars, in denen ich morgens frĂŒhstĂŒckte mit Einheimischen, die nach dem CaffĂš grundsĂ€tzlich ein Glas Wasser tranken und dazu bloĂ etwas GebĂ€ck – Dolci. An der Bar hörte man die Neuigkeiten des Tages bereits, bevor die Sonne ihre alles verlangsamende Kraft ausspielte.