Es gibt unendlich viele Düfte in der Welt. Ein Tomatenblatt, das man in der Hand zerreibt, der Geruch von frischgekochtem Reis, ein alter feuchter Schwamm, die verschwitzte Haut des Lieblingsmenschen.
Der Grundstoff von Parfums sind seit Jahrhunderten ätherische Öle, die durch Destillation von Pflanzenteilen gewonnen werden. Die Destillation ist aufwändig und verlangt 3.000 bis 5.000 kg Rosenblätter zum Beispiel für einen einzigen Liter ätherischen Rosenöls. Derartige Öle sind dementsprechend kostbar. Da liegt es nahe, dass die Parfumindustrie die natürlichen ätherischen Öle durch Imitate der chemischen Industrie meisterhaft zu ersetzen gelernt hat.
Ein Parfum setzt sich – ob es mit natürlichen Ölen oder chemischen Ersatzstoffen komponiert wird – in der Regel aus drei Duftkomponenten zusammen:
- der Kopfnote, als dem Duft, der intensiv aufleuchtet, aber auch schnell erlischt. Hierzu zählen Zitrusdüfte und Kräuter,
- aus der Herznote, die gut und gerne zwei Stunden lang ihren Auftritt feiert, und zu der die Blumen gehören, aber auch der Wacholder, den ich gerne als Akzent verwende,
- aus der Basisnote, die langanhaltend dem Ganzen die neutrale Grundlage bietet und den anderen Noten zur Entfaltung verhilft. Das sind die Hölzer
Ich ergötze mich beizeiten an den Düften der Designer, ziehe es für mich allerdings ausnahmslos vor, nur echte ätherische Öle zu verwenden. Nicht etwa, weil sie wertvoller sind, sondern weil sie keinen Betrug an meiner Nase begehen.
Schwierig und langwierig war bei meinen Schritten auf dem Terrain der Düfte, ein Vokabular zusammenzustellen, das genug Freiheit bietet, mich selbst immer neu zu überraschen, und zugleich die Gefahr der Orientierungslosigkeit angesichts der Fülle der Verfügbarkeiten zu umschiffen. Das Ergebnis jahrelanger Versuche und Fehlversuche ist die Reduktion der Duftpalette auf zwölf ätherische Öle, die ich meine „heiligen Zwölf“ nenne. Aus diesen zwölf Duftstoffen entwickelt sich relativ einfach eine eigene olfaktorische Handschrift, wenn einige wenige – hier skizzierte – Grundsätze verstanden sind.
Kopfnote
Hier habe ich aus dem mythologischen bewachten Zitrusgarten der Hesperiden Bergamotte und Petitgrain gewählt und aus Liebe zur Provence und dem Mittelmeer als Kraut den Rosmarin, der unter den Kopfnoten als Akzent fungiert.
- Rosmarin (Rosmarinus officinalis *): Rosmarin ist als eines der Kräuter der Provence krautig, lebendig und würzig. Er ist im gesamten Mittelmeerraum zuhause und passt gut zur Zistrose.
- Petitgrain (Citrus aurantium): Petitgrain wird aus den herben Zitrusblättern des Bitterorangenbaums gewonnen. Es fördert die Konzentration und hellt das Gemüt auf.
- Bergamotte (Citrus bergamia *): Bergamotte ist ein 5m hoher Zitrusbaum, der in Sizilien angebaut wird. Seine Früchte werden dort kandiert als Köstlichkeiten gehandelt. Der Duft der Bergamotte ist hell, fruchtig, blumig, aber nicht so dominant wie Limone oder Orange. Man sagt dem Duft nach, wie alle Zitrusdüfte trübe Stimmungen zu vertreiben und angstlösend und nervenentspannend zu sein.
Herznote
Das Herz des Parfums ist der weiblichste Part und dominiert Damenparfums stärker als Herrenparfums. Die romantische Rose liebt die Tiefe des Rosmarins. Ihr Öl ist sehr wertvoll und in Parfums für den Tag ersetze ich es meistens durch die ähnlich duftende Rosengeranie. Der Lavendel begleitet die Rose gerne und schätzt dann in Sonderheit wiederum ihren Begleiter, den Rosmarin. Die Iris ist der Veilchenduft unter den Herznoten. Sie wird auch „Himmelsblüh“ genannt und ihr Öl ist noch wertvoller als das der Rose, allerdings leider durch nichts zu ersetzen. Der exotisch anmutende Jasmin verhilft der Rose zu sinnlicher Eleganz, will dann als Begleiter jedoch am liebsten das Petitgrain mit seiner dramatisierenden Wirkung. Als Akzent schätze ich unter den Herznoten besonders den Wacholder, der sich unter den Zitrusölen am besten mit der Bergamotte verträgt.
- Rose *: Den intensivsten Rosenduft verströmen die persische Damaszenerrose (Rosa damascena) und die Rose de Resht, die in Frankreich kultiviert wurde. Der Duft der Rose gilt als feminin, findet sich allerdings auch in Herrenparfums. Rosmarin gibt der Rose Tiefe und verhilft ihr zu romantischer Attitude. Mit Petitgrain und Zedernholz versteht sie sich auch gut.
- Rosengeranie (Pelargonium graveolens *): Die Rosengeranie vereint die gleichen Eigenschaften wie die Rose.
- Jasmin (Jasminum grandiflorum *): Jasmin wird in Grasse in Südfrankreich für die Parfumindustrie gewonnen. Er duftet honigartig, süß sinnlich und exotisch mit einer Tendenz zum Animalischen. Häufig wird er als euphorisierend und erotisierend interpretiert. Er verträgt sich gut mit Rosmarin, Bergamotte und Zedernholz, mag aber auch die Gesellschaft der Rose. Zusammen bestechen sie durch sinnliche Eleganz, zu der Petitgrain unter den Zitrusölen die erste Wahl ist. Als dritte Schwester nehmen die beiden auch gerne die Iris mit, um ihr Vexierspiel zu vervollkommnen.
- Iris (Iris pallida *): Die Iris duftet nach Veilchen und ist ein Juwel unter den ätherischen Ölen. Sie wird in Italien und Südfrankreich angebaut. Die pudrige Eleganz der Iris verschmäht den Rosmarin. Sie zieht Petitgrain und Bergamotte vor, die ihre klassische Zurückhaltung nicht beeinträchtigen.
- Lavendel (Lavandula angustifolia*): Der Lavendel versteht sich gut mit Bergamotte und Rosmarin. Verbündet sich der Lavendel allerdings mit der Rose, zieht sie Bergamotte vor.
- Wacholder (Juniperus communis*): Der Wacholder ist ein Zypressengewächs in Strauchform aus dem Mittelmeerraum, der zur holzigen Basisnote hin eine Brücke baut. Er fügt der Parfumkomposition einen spannenden, als männlich empfundenen, pfeffrig harzigen Akzent hinzu, der der femininen Übermacht Tiefe und Würze verleiht. Die Zistrose als Begleitung mag er gar nicht.
Basisnote
Als Basisnote ist das Zedernholz unkompliziert und bildet zudem ein herausragendes Fixativ für die Flüchtigkeit der Düfte. Zedernholz ist in zwei Varianten verfügbar: Cedrus atlantica ist herber und findet vornehmlich in Herrenparfums Verwendung, wohingegen Cedrus deodora als damenhaft sanft gilt. Als Akzent eignet sich die Zistrose.
- Zedernholz: Sowohl die sanfte Cedrus deodora * als auch die herbere Cedrus atlantica*
- werden als Bäume in unseren Breiten gut 20 m hoch. Ihr Duft ist geprägt von eleganter Strenge, stark holzig, rauchig und trocken.
- Zistrose (Cistus ladaniferus *): Die Zistrose ist ein Busch, der vielfach in Südfrankreich und Italien anzutreffen ist, ist er doch typischer Bestandteil der Mittelmeerlandschaft. Sein Harz ist das Gummi labdanum, das im Fell der Ziegen kleben bleibt, wenn sie genau zu diesem Zwecke durch die Zistrosenbüsche getrieben werden. Der Duft gilt als geheimnisvoll krautig und harzig mit balsamischer, fast amberartiger Tiefe von großer Sinnlichkeit und wird aus den zerbrechlichzarten, zerknitterten, dunkelgrün glänzenden Blättern gewonnen, denen man nachsagt, sie helfen „verknitterten Seelchen“. Pur ist es zu streng. Es braucht Verdünnung. Die Zistrose passt gut zu Rosmarin und gar nicht zu Wacholder. Bedeutung im Parfüm kommt ihr zudem als Fixativum zu.