Energie scheint derzeit als eine Art Gelenkschmiere des Lebens verstanden zu werden. Als das, was zwischen den Dingen und Menschen in Raum und Zeit für reibungsloses Gleiten sorgt.
Wir Europäer sind es gewohnt, die einzelnen Dinge zu sehen. Und als ich vor einigen Jahren mit der japanischen Idee konfrontiert wurde, dass das Eigentliche sich zwischen den Dingen ereignet, war das daher eine erschütternde Erkenntnis. Zwischen den Dingen war bei mir Staub. In den hintersten Ecken lagen Fliegen. Kurzum. Auf die Energie des Raums dazwischen war ich nicht gefasst. Da schien mir mehr die Energie zu stagnieren. Und ich opferte ein ganzes Wochenende, um sie zu befreien. Ich machte sauber. Da ich für das darauf folgende Wochenende andere Pläne hatte als erneut sauber zu machen, sortierte ich eine Menge Krempel, der nur so herumstand, prophylaktisch schon mal weg. Und siehe da. Die befreite Energie war sofort zu spüren. Und ich bilde mir ein, seit diesem Tag atme ich freier.
Die erwachte Sensibilität für die Energie zwischen den Dingen stellte mein Leben um. Ich sah Bezüge, arrangierte, vernetzte mich im Raum. Ich wurde Teil des Raums. Und noch etwas Eigenartiges geschah: Ich liebe es, meine Räume selbst zu reinigen. Sie sind mein Körper geworden. Es riecht jetzt angenehm bei mir, es klingt anders. Es ist, als fühlte ich die Energie, die mir beständig ihre Freiheit dankt.
Allerdings hat dieses – nennen wir es mal – „Virus“ eine gewisse Hartnäckigkeit an den Tag gelegt. Inzwischen stört es mich, wenn die Trockentücher in der Küche knuddelig sind, wenn die Blumenvase so bunt ist, dass die Blumen darin gar nicht mehr zur Geltung kommen. Mich stört zu viel. Vorsicht, sage ich mir, kein Perfektionismus bitte. Supersaubere Häuser habe ich nie gemocht. Da war so eine vernichtende Energie drin. Optimale Energieflüsse entstehen nicht durch Perfektion. Womit wir wieder in der japanischen Philosophie ankommen. Der große Modeschöpfer Yohji Yamamoto meint: „Ich halte Vollkommenheit für hässlich. Ich will in den von Menschen gemachten Dingen irgendwo Narben, Scheitern, Unordnung, Verzerrungen sehen. Perfektion ist eine Art von künstlicher Ordnung. Ein freier Mensch will so etwas nicht.“ Genau.